Der süsse Traum von Nichtstun

Der süsse Traum von Nichtstun

Nichtstun Kuba

Wie wäre es eigentlich, wenn man nur noch Zeit hätte? Wenn es keine Termine, Stress oder sonst etwas gäbe, das unsere gute Laune in irgendeiner Form negativ beeinflussen könnte? Einfach schwerelos den Tag erleben, bestenfalls an einem schönen Ort auf dieser Welt. Wo jeden Tag die Sonne scheint und man sich abends den Sand von den Füßen klopfen muss, bevor man sich vor dem Schlafengehen noch eben einen eiskalten Mojito in der kleinen Bar gegenüber gönnt. An diesem Punkt bin ich gerade angelangt…

Alles abgeworfen, ohne jegliche Last auf den Schultern und frei wie ein Vogel, der sich jeden Tag neu entscheiden kann, wohin er am nächsten Tag fliegen möchte. Aber ist das wirklich ein so erstrebenswerter Zustand, wie man es erwarten würde? Liegt darin das ultimative Glück, birgt es zu viele Unsicherheiten oder kehrt dabei vielleicht auf Dauer auch der Alltag oder sogar Langeweile ein?

Als meine Auszeit vor etwa acht Monaten begann, war bereits klar, dass ich nicht von heute auf morgen nur noch in einer Hängematte liegen könnte. Den über viele Jahre unentwegt auf Hochtouren laufenden Motor wollte ich behutsam runterfahren. In einem Camper konnte ich zunächst den Rhythmus Bleiben-Weiterfahren tagtäglich selbst vorgeben und Ersteres stellte sich als gar nicht so einfach heraus.

Nur noch Zeit und Raum genießen war schwieriger als ich dachte, denn das Gefühl – ständig etwas Sinnvolles tun oder erleben zu müssen – hatte sich über die Jahre offensichtlich zu fest eingebrannt. In den Folgemonaten in der Südsee und Südostasien merkte ich außerdem, dass die große Freiheit ebenso wie das Langzeitreisen auch Schattenseiten haben können und man auf Dauer darauf achten muss, dass man sich nicht selbst irgendwo im Tag verliert.

 

Plötzlich offline…

Warum meine Entscheidung auf Kuba fiel, kann ich gar nicht genau sagen. Havanna kannte ich bereits und seitdem hatte ich das Bedürfnis, mehr von diesem Land kennenzulernen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Tatsache, dass es immer noch kein privates oder öffentliches Internet gibt und wenn, dann nur an vereinzelten Stellen und das entsprechend teuer. Für eine Reisebloggerin zugegebenermaßen suboptimal, zumal auch noch der Zugang zu meinem Blog-System gesperrt war, aber ich nahm diese „Offline-Challenge“ dennoch an.

Ohne Internet zu sein, bedeutet gleichzeitig Verzicht auf Fernsehen, Recherche, Nachrichten, Kontakt mit Freunden und Familie. Der einfache Zeitvertreib zwischendurch, den man mit seinem Laptop oder Smartphone online verbringt, fiel damit auch weg. Kurzum: Ich war von der Außenwelt abgeschnitten. Und nun galt es tagtäglich 24 Stunden Zeit totzuschlagen, von der zwar einiges für Schlafen, Essen und Reisen subtrahiert werden konnte, aber was passierte mit der restlichen Zeit?

Nach genau diesem Moment hatte ich mich eigentlich all die Jahre gesehnt, aber so richtig vorbereitet war ich darauf irgendwie nicht. Wie geht „Nichtstun“ eigentlich? Am Strand liegen, Lesen, Schreiben, Schlafen, Nachdenken, Spazieren oder was auch immer – alles würde mich auf Dauer wahrscheinlich langweilen. Oder in den Wahnsinn treiben. »Gar nichts tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.« hat Oscar Wilde mal gesagt. Wer hätte das gedacht…

Auszeit Kuba

War der Traum von der Freiheit jetzt erreicht und damit abgehakt?

Da saß ich nun zwar an einem Traumstrand in der Karibik, aber die Frage nach dem »Und jetzt?« ließ sich nicht abschütteln. Eigentlich war es gerade wieder ein wenig wie in der Jugend, wo man sich über nichts Gedanken macht und einfach nur lebt: Sich von einem Hund beim Buddeln mit Sand bewerfen und sich danach im Lauf ins Hosenbein beißen lassen, sich in ein All-Inclusive-Hotel schmuggeln und kostenlos Kaffee absahnen oder sich durch den Hintereingang eines 5-Sterne-Hotels mogeln, um das teure Wifi dort wenigstens für eine halbe Stunde nutzen zu können.

Seit Monaten arbeite ich mich durch die deutsche Literatur, die sich mit einem besseren Leben oder dem Sinn – der dahinter stecken soll – befasst. Wie es der Zufall wollte, war gerade ein Buch über das Erarbeiten und Erfüllen von Lebensträumen an der Reihe und dabei konnte ich erfreulicher Weise feststellen, dass ich genau in diesem Moment schon mittendrin bin. Okay, da gibt es natürlich noch so ein paar Dinge wie ein Mal mit Camper und Hund irgendwie von Köln nach Hawaii zu kommen oder in der Antarktis inmitten einer Pinguin-Kolonie zu stehen, aber diese Träume würde ich eher als Luftschlösser bezeichnen.

Zurück zum Strand. Mittlerweile liege ich täglich mehrere Stunden gedankenlos auf der weißen Plastik-Liege eines All-Inclusive-Hotels, deren Gäste seltsamer Weise keine Bändchen tragen. Denken wird auch eigentlich überbewertet, wenn man mal darüber nachdenkt, über was man sich alles unnötige Gedanken macht. Und dann klingt mir der Spruch eines Freundes mit »Stillstand ist Rückschritt« in den Ohren. Aus meiner Sicht ist das aber gerade Fortschritt, denn erst – wenn man still steht und hinsieht – kann meines Erachtens erst Entwicklung stattfinden.

 

Stillstand als Chance

Während ich zwischen all den Pauschaltouristen mit ihren skurrilen Eigenarten und Routinen liege, beobachte ich drei Security-Jungs, die sich ihre muskulösen Arme regelmäßig durch Klimmzüge an den Holzhütten-Streben stählen. Die einzige Frau, die oben ohne den Strand entlang läuft, ist mindestens 70 Jahre alt. Langsam fange ich an, mich intensiver mit Haaren auf dem Rücken, Schnäuzern, Falten und einigen anderen Themen zu beschäftigen, die sich vor meinen Augen abspielen.

Plötzlich entwickelt sich dann eine objektiv maximal langweilige Situation in Kombination mit einem herkömmlichen Schreibblock und Stift zu einem Projekt, das am Ende mal ein Buch mit Kurzgeschichten werden wird. Ein lang gehegter Traum, nur wusste ich nie wie und über was. Außerdem dachte ich immer, dass man sich zum Zeitpunkt X mit ernsthafter Miene, feierlich mit einem Glas Prosecco in der Hand und symbolischem Aufsetzen der Brille an den Schreibtisch setzen würde mit dem verheißungsvollen Satz »So, jetzt schreibe ich ein Buch!«.

Auszeit Kuba

Bei mir war es hingegen ein sehr entspannter Gesichtsausdruck, ein Plastikbecher mit Café con leche im Sand steckend, mit als Tarnung dienender Sonnenbrille auf einer Plastik-Liege sitzend (die zu dem All-Inclusive-Hotel gehörte, dessen Gäste keine Bändchen tragen) und einem Satz, der eher in Richtung ging wie »Schade, für einen Mojito ist es leider noch zu früh!«. Es kommt eben immer anders als man denkt.Aber dem noch nicht genug. Als sich herausstellte, dass man Kuba sehr angenehm mit dem Bus bereisen kann, entdeckte ich meine Leidenschaft im Schreiben während der Fahrt und legte gleich zwei weitere Blöcke an, die seitdem regelmäßig mit Informationen befüllt werden. Kann sein, dass alle drei mal irgendwann als Buch im Regal einer Buchhandlung stehen werden. Vielleicht aber auch nicht. Wie gesagt, es kommt eben immer anders…

 

Wie erstrebenswert ist nun Nichtstun?

Die mentale Einöde – also eine Zeit ohne oder zumindest mit extrem wenig Internet – war eine unglaublich wertvolle Erfahrung. Ähnlich wie man damals immer schlechter im Kopfrechnen wurde, weil man plötzlich den Taschenrechner nutzen konnte, verhält es sich mit dem Internet: Man überlässt das Denken einem Gerät. Offline lernt man wieder, sein Gehirn einzuschalten, Kontakte zu knüpfen (ich habe auf einer Reise noch nie so viele Menschen kennengelernt), Zeit draußen zu verbringen und einfach seine fünf Sinne für Genuss, Spaß und wie in meinem Fall neue Projekte zu nutzen.

Interessanter Weise haben viele Reisende, die ich auf Kuba getroffen habe, darüber berichtet, dass sie gerne etwas Neues lernen würden wie eine Sprache, Tanzen oder etwas anderes, das in erster Linie auf die persönliche Lebensqualität zielt und weniger auf Erfolg oder beruflichen Fortschritt ausgerichtet ist. Auch hatten die meisten den Eindruck, dass die Zeit dort nicht so schnell vergehen würde wie andernorts oder zu Hause. Selbst viele jüngere Kubaner haben noch keine Email-Adresse, weil sie sich lieber anrufen oder treffen als virtuell verknüpft zu sein. Irgendwie schön, aber für unsereins einfach undenkbar. Dennoch hoffe ich, etwas aus dieser analogen Welt für mich mitnehmen zu können.

Zum Nichtstun: Es ist ein fantastischer Zustand, wenn auch anfangs ehrlich gesagt fast unerträglich! Einfach mal an nichts zu denken (zumindest an nichts Unschönes), nur das Drumherum wahrzunehmen und von etwas Schönem zu träumen ist einfach sagenhaft. Gelassenheit, Achtsamkeit und all die anderen heute so populären Begriffe kommen dann ganz automatisch, ohne dass man eine Anleitung oder besondere Hilfsmittel dafür benötigt. Ich für meinen Teil habe in diesem einen Monat auf Kuba – so glaube ich zumindest – eine kleine Ahnung davon bekommen, was Leben bedeutet und dass es dafür gar nicht so viel braucht, wie wir immer glauben.

Posted on bravebird.de 8. März 2015
http://www.bravebird.de/blog/der-suesse-traum-vom-nichtstun/

Share this post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.